All The Things She Said

Sexuelle Identitäten in Russland Anfang 2000er und deren Pop-Äquivalenten.

I'm in serious shit, I feel totally lost
If I'm asking for help it's only because
Being with you has opened my eyes
Could I ever believe such a perfect surprise?

I keep asking myself, wondering how
I keep closing my eyes but I can't block you out
Want to fly to a place where it's just you and me
Nobody else so we can be free

All the things she said
All the things she said
Running through my head

Running through my head

 

Der Text scheint so üblich für Pop wie generisch für Digital Poetry zu sein - wenn er nur nicht einer legendären Band der russischen Pop-Szene entstammen würde - dem Lied “All the things she said” (Russisch: “ja soshla s uma”) des quasi-lesbischen Duos “T.a.t.u.” 

Die Pop-Band T.a.t.u. entstand 1999 als ein Projekt des Produzenten Ivan Shapovalov und bestand aus zwei zu jener Zeit 14-jährigen Mädchen. Sie zeichneten sich von den anderen “only-woman-bands", die vornehmlich über die unerfüllte heterosexuelle Liebe sangen (und in diesen Liedern, wenn auch nicht so explizit, zeigte sich auch der Wunsch nach Unabhängigkeit und eigener Entscheidungsfindung innerhalb der ausschließlich weiblichen Gruppe), paradigmatisch ab. “T.a.t.u.” zeichnet in ihren Songs ein neues bis dahin in der Sowjetunion und im jungen demokratischen Staat Russland kaum bekanntes Format der Unabhängigkeit: eine Band aus zwei Mädchen, die über die Liebe zueinander singen. Da die Haupt-protagonisten der Lieder die Sängerinnen selbst waren, blieb der Bedarf an einem Mann als das dritte Element aus.

Wie das erste Video der Band zeigte, übernahm die Rolle des dritten Elementes die postsowjetische philiströse Gesellschaft, die (scheinbar) intolerant gegenüber homosexueller Liebe war (das Lied “All the things she said" und “They Not Gonna Get Us”). Aus der heutiger Sicht von politischen Restriktionen der Homosexuellen in Russland scheint die Thematik als permanentes Skandal, der nicht lange genug besprochen und besungen werden musste. Dennoch wird der soziale Konflikt schon seit der dritten Single durch die persönlichen/spezifischen Problemen wie Unfähigkeit zu vertrauen, Promiskuität und Distanzierung ersetzt ( “I’m your enemy”, “I’m not your first”, “Disabled People”). In einem bleiben die T.a.t.u. sich treu: es sind einfache, ehrliche Texte mit eindeutigen sexuellen Thematik die mit Pop-Rave kombiniert sind. Die Ausschließung  von männlichen Gegenpart sowie die fast ubiquitäre Vergegenständlichung von den Teenager-Mädchen, brachte der Band schnell eine allgegenwärtige Popularität in Russland und im Ausland. “T.a.t.u.” war, vielleicht, die erste Band aus der russischen Pop-Szene, die in einem Lied explizite Masturbation einer der Sängerinnen zeigte ("Simple Movements”). Deren Produzent hatte auch keine Angst und Scheu, mitten im zweiten Tschetschenien-Krieg, in der Zeit von Terroranschlägen in Moskau, Buinaksk und Wolgodonsk, in denen insgesamt 307 Menschen gestorben sind, in einem Musikvideo der Band ein Terroranschlag mit einer selbstgebastelten Bombe zu zeigen ("30 minutes”) -  und hat damit für heftige Diskussionen und noch größere Popularität gesorgt.

 

Es wäre dabei aber nicht richtig, T.a.t.u. als die einzige auf der russischen Pop-Szene zu betrachten, die sich der Genderfragen und Sexuellen Identifikation zugewendet haben.  Einer der ersten Stars der sexuellen Befreiung war  ‘Lika Star’, die mit 20 Jahren durch ihre lyrischen Rap-Kompositionen und - in der ersten Linie - mit ihren extravaganten Bewegungen auf der Bühne die Häuser gefüllt hat. Zugänglicher für die älteren Generationen war die Boy Band ’Na-Na’, die nicht zögerten, ihren Körper zu zeigen und schnell für viele Frauen ein Sex-Symbol wurde. Aber auch wegen ihrer eher „weiblichen“ Art und Weise waren sie genau so attraktiv für viele Männer. Zu dieser Kategorie gehört auch ‘Walery Leontiev', dessen Image von kurzen Hosen und transparenten T-Shirt unverkennbar ist - eine offene männliche Sexualität, die in solcher Art auch in der russischen Pop-Szene beispiellos ist.

 

‘Lika Star’s Staffelstab übernahm ‘Natalia Wetlickaya’ - eine schlanke blonde Frau, die, wie Lika Star, das Bild der Madonna für die russische Pop-Bühne appropriiert hatte. Das Video Playboy ist nicht nur und nicht so sehr durch sie selbst spannend, sondern durch die Umkehrung der Geschlechterrollen: nicht Männer gewinnen eine Frau, sondern sie sie. Sie sind - auf dem Hintergrund vom aktiv schwingenden Rock von Wetlizkaja - infantil, passiv und schön. Gleiche Strategie verfolgt das billig gemachte Video "Wowotschka", in dem ein Mann den in sich überzeugten Sängerinnen untergeordnet zu sein scheint, er ist feminin und schutzlos. Eine solche Transformation nutzten nicht nur Frauen, sondern auch Männer - der Frontman von ‘Mumiy Troll’, Ilya Lagutenko, hat das Bild von einem androgynen Metrosexuellen bis die Mitte 2000er Jahren ausgeschlachtet. Die Apotheose dieser Wende von Geschlechterbilder war der Video „Solnyshko Moje“ - eine Antwort auf das spezifische Phänomen jener Zeit - die Entstehung von Elite-Clubs, die ausschließlich für wohlhabende Single-Frauen geöffnet wurden (der Eintritt betrug unbezahlbare 3000 Rubel), die eine hochkarätige erotische und sexuelle Unterhaltung gesucht haben.

 

Die erste Band, die sich als Homosexuell geoutet hat, war das Duo “Vice Squad" (Polizija Nravov). Nach dieser Band folgten eine Welle weitere Pop-SängerInnen, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten, wie z.B. der skandalöse, zu perversiver barocker Ästhetik tendierender ‘Boris Moiseev’, welcher später in einem Duett mit  Nikolaj Trubach eine Hymne der Russischen Gay-Szene - das Lied "Blauer Mond" (“Die Blauen" bezeichnete man in Russland die homosexuelle Männer) - geschaffen haben; Schura, dessen Stil nicht nur durch ein Travestie-Image bestimmt war, sondern auch durch das Fehlen der Vorderzähne; Oskar und Nikita führten ein “klassisches Bild” des homosexuellen Mannes aus. Transgender ist in dieser Zeit so populär, dass eine der beliebtesten Pop-Bands der damaligen Zeit - ‘Hände Hoch!’ (Ruki Vverh!)- die normalerweise im munteren einfachen Diskorhythmus über die ersten ungeteilten Liebe sangen, ein Video mit eindeutig homosexuellen und Travestie-Themen gemacht haben.

 

Zu erwähnen ist auch die Band "Gäste aus der Zukunft” (Gosti Iz Budushego), die in der Wende zwischen 90er und 2000er entstanden sind. Sie unterschieden sich in erster Linie mit Ihrer Pansexualität von den anderen Bands. Im Video "Not Love" steckt die Sängerin in einer Dreiecksgeschichte: Man-Man-Frau. In dem anderen Lied "Love Me in a French Way" spricht sie mal zu einem Mann, mal zu einer Frau und in einer der Strophen singt sie "Nur weißt du, es ist für mich uninteressant, dass ich nicht verstehen kann, wer du bist - er oder sie.”

 

Eine Ähnliche Tendenz könnte man auf der Rockszene beobachten. Mit der Beginn der Perestroika begann in Russland “die goldene Ära des Russisches Rockes”, in der überwiegend (wenn nicht fast ausschliesslich) die Männer-Bands eine Bühne bekommen haben. Mitte 90er formierten sie nicht nur eigene unabhängige starke Szene, sondern auch ihre Fans, zu denen die ganze Generation der in 70er und Anfang 80er geborenen Männer und Frauen angehörte. Zur Ende der 90er änderte sich die Situation aber allmählich: die alte Generation der Sänger wird durch die neue ersetzt, deren Avantgarde weibliche Figuren werden. In dem anfänglich muskulösen Rock tritt eine lyrische oder sogar romantische Komponente ein. Es entstehen viele Bands mit einer Frau als Solistin, die oft als Front Woman der Band agierte und alle Lieder und Texte geschrieben hat: Chicherina, Marsha i Medvedi, Nochnie Snajperi, Total und Zemfira. Frauen, die offen über ihre Sexualität in den Liedern sowie in dem vermittelten Image, der der bürgerlichen und männlichen Wahrnehmung der Frau nicht entsprach, waren nicht unüblich zu diesem Zeitpunkt.  

Jedoch hatte T.a.t.u., das ursprünglich als kommerzielles Projekt ohne versierte Ideologie und Authentizität konzipiert und realisiert wurde, die Wirkung einer explodierenden Bombe gemacht. Die Mädchen sangen nicht nur über ihre Gefühle zueinander (was zwar auch eine gewisse Provokation war, aber immer noch recht moderate), sie küssten sich und zeigten in Musikvideos und in der Öffentlichkeit körperliche Anziehung zueinander. Darüber hinaus, spielten sie ganz klar in ihrem ersten Video auf die körperliche Attraktivität und Unschuldigkeit eines Teenagers, was natürlich nicht ein Teil des Images von solchen Persönlichkeiten wie Diana Arbenina oder Zemfira war. Sie haben der Öffentlichkeit eher ein androgynes Image eines erwachsenen, selbstsicheren, sexuell aufgeklärten Frauen präsentiert. T.a.t.u. starteten mit Ungewissheit, mit einer Entscheidung die noch fallen müsste; durch Ihren Alter waren ihre Experimente entschuldigt und gewissermaßen auch nicht ganz ernst gemeint. So wurde der Start der Band einerseits durch die ganze Generation vor ihnen erleichtert, und andrerseits durch deren Infantilität.

 

Trotz der provozierenden Natur des ersten Video und des Liedes, war es die zweite Komposition, die aus T.a.t.u. nationalen Pop-Idol gemacht hat - das Lied „They Not Gonna Get Us“. Der Text dieses Liedes war in solchem Einklang mit der anarchischen Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung in einem Land, das durch die Korruption, die Tschetschenienkriege, Bandgefechte, die Finanzkrise des Jahres 1998 zerrissen war, deren Auswirkungen in den frühen 2000er Jahren noch gut zu spüren waren, und sogar durch die allgemeine Panik über das neue Jahrtausend. Der Refrain „they not gonna get us“ manifestierte in erster Linie eine Aversion gegen das soziale Umfeld und finanzielle Abhängigkeit. Die anfänglichen Euphorie durch die heruntergefallen Freiheit der Presse und Selbstverwirklichung wurde in den frühen 90er Jahren durch einen ständigen Kampf um das Überleben und die Scham dafür, trotz der kapitalistischen Freiheit nicht an den europäischen Lebensweise sich annähern zu können, ersetzt. Wirtschaftliche und kulturelle Degradierung haben die Menschen in einen Zustand der permanenten Verzweiflung, politischen Apathie und Depression gebracht, und die einzige Antwort auf eine solche Situation war nicht ein Kampf, sondern die innere Emigration, dieser leiser Widerstand des „They Not Gonna Get Us“. Es war auch wichtig, dass die Vermittler dieses Slogans der neuen inneren Freiheit nicht Vertreter der vielfältigen und durch mehrere Subkulturen bestimmten Rockszene waren, sondern zwei sehr gewöhnliche Mädchen, die nicht durch die Argumenten und Tatsachen überzeugten, sondern durch den Schrei, dass sie nichts damit zu tun haben wollen. Die Stimmung dieses Liedes und nicht in der letzten Rolle des Videos war so stark, dass für den absoluten Erfolg sogar die sexuelle Objektivierung, die üblich für die Pop-Szene ist, nicht nötig war. In dem Video tragen die Mädchen Daunenjacken und sind in die Schals eingewickelt und fast das ganze Video in einem riesigen LKW verbringen, den sie auf dem Parkplatz in der Nacht gestohlen hatte. In dem Akt des Autodiebstahles sehe ich die Manifestation der so ersehnten Freiheit. Der Freiheit, für die der sowjetische Mensch lange gekämpft hat und die für Nichts der neuen politischen Elite verkauft wurde. Mitten im Video klettern die Mädchen auf das Dach des LKWs und lassen das Lenkrad außer Kontrolle. Indem sie gegen den Schneesturm kämpfen, einander umarmen und „They Not Gonna Get Us“ skandierend, bewegen sie sich (in einer Pose, die sich an den berühmten „Flug“ von Jack und Rose auf dem Heck von „Titanic„ erinnert) dem sicheren Tod entgegen. Die Abneigung gegen die umgebende soziale, wirtschaftliche und politische Realität müssten so stark gewesen sein, dass sogar die Position mit der Aussicht auf einen Tod im Schneesturm ein Akt der Befreiung zu sein schien. (Hier kann man auch über den Schneesturm von Sorokin sich erinnern, der 2010 erschien und gleiche Thematik behandelt).

 

Besondere Aufmerksamkeit würde ich auch gerne der Ästhetik der Videos geben, dessen Regisseur Shapovalov selbst war. In ihrer ganze Geschichte brachte die Band vier berühmte Videos: All The Things She Said, They Not Donna Get Us, 30 Minuten und Simple Movements. Und wenn das erste Video in einem ziemlich standartisierten Werbe-Musik-Video-Weise (jump cut, asynchrone Schnitt von Text, sehr kurze Videosegmente) erstellt wurde, wird They Not Donna Get Us revolutionär nicht nur musikalisch, sondern auch im Video. Die Ästhetik von Home-Videos, die auf einer Kompaktkamera gedreht wurden, und typische für diese Aufnahmen Pannen wie Rolling Shutter, Glitch, Stabilitätsverlust, die zusätzliche Daten, die wir auf dem Bildschirm zu sehen (Datum, Uhrzeit und Laufzeit) sind, erden auch in den anderen Videos von T.a.t.u. eingesetzt. Es ist nicht bekannt, ob  Ivan Shapovalov mit der bekannten dänischen Bewegung von Filmemachern Dogma-95  vertraut war, die in für die Übertragung der Prinzipien des Dokumentarischen direkten Kinos in den Spielfilm agitierten. Der Realismus des Films sollte aus seiner Methode und formalen Aufnahmebedingungen herausbilden, wie zum Beispiel das Fehlen von Musik in der Postproduktion, Spezialeffekte, Filter und zusätzliche Beleuchtung. Zweifellos wäre es falsch zu sagen, dass alle diese Grundsätze der Dogma-95 bei den Drehen von T.a.t.u.’s Musikvideos beachtet wurden, jedoch nur drei Jahre nach der Veröffentlichung des umstrittenen „Idiots“ Lars von Trier, appropriert Shapovalov dessen Ästhetik und schafft durch die Gegenüberstellung von sowjetischen technischen Brutalismus (Traktor KrAZ-258), menschenleere endlose schneebedeckte Straße und ein beißender Winterwind zu den jungen und naiven Freundschaft der Mädchen einen starken emotionalen Video.

 

Indem Shapovalov die Ästhetik der Amateuren-Filmen nachahmt und benutzt, sprengt er die engen Grenzen der konformistischen Ästhetik der kapitalistischen Massenkunst. Seine Videos entlarven die postsowjetische Realität und zeigen sie so, wie sie war: mit Brutalität, Absurdität, Polarität und Sinnlosigkeit (wir können uns an die Filme von Balabanow im gleichen Zeitraum erinnern). Diese Videos widerstehen der neuen für Russland neoliberalen Ideologisierung und Mythologisierung der Wirklichkeit. Dabei ist zu wissen: die Befreiung von der sowjetischen Mythologisierung und Überhöhung der bestehenden gesellschaftlich-politischen Beziehungen betrachtete man unter Inteligentsia als eine der wichtigsten Errungenschaften im Kampf für die Freiheit der Meinungsäußerung in den frühen 90er Jahren; doch bereits Ende der 90er geht dieser Trend in den Untergrund, bekommt einen eher marginalen Charakter und die neue kapitalistische Mythen werden kreiert.

 

Ein weiterer Video, der die etablierte Zusammenhänge hinterfragt - „eine halbe Stunde.“ In dem Video handelt es u, das Fremdgehen eines des Mädchens mit einem jungen Mann und der anschließenden Rache der anderen Protagonistin. Sie stellt eine eigene Bombe her und sprengt das Karussell in einem Vergnügungspark, wo ihre Freundin und der jungen Mann die Zeit verbringt. Selbst gemachte Bomben in den späten 90er und frühen 2000er Jahren in Russland waren ausschließlich mit den Bombenanschlägen durch tschetschenischer Terroristen konnotiert - genau so, wie nach einiger Zeit, Explosionen, Massaker und Unruhen in Europa in den Medien ein Metier von Migranten aus arabischen Ländern werden. Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Videos - das war im März 2001 -  sind in Russland noch die Erinnerungen an den Tragödien des Jahres 1999,  in Buynaksk und Volgodonsk und Moskau, wach. Im August 2000 passiert eine Explosion in der Moskauer U-Bahn, im Oktober 2000 - in Pjatigorsk und Nevinnomyssk, im Februar und März 2001 mehrere weitere Explosionen, darunter auch in der Moskauer U-Bahn und in der südrussischen Stadt Mineralnye Vody. So konnte das für das Video ausgewählte Thema nicht relevanter sein. Allerdings macht Shapovalov daraus wieder eine provokante Geste. In seinem Video verübt ein Teenager die Explosion, und zwar als ein Akt der Rache für unerfüllte Liebe und nicht aus politischen Gründen. So schafft Shapovalov den Übergang von der Sphäre der Ideologie im Bereich der Ontologie, von dem Sozialen in das Private. Er entpolitisiert den Akt der Explosion - und damit fungiert das Video als ein Akt des Widerstands dem klische-artigen Denkens und dem Konventionellen. Das Video „Eine halbe Stunde“, könnte als ein echter Akt des Anarchismus gelesen werden, in dem der Widerstand gegen jede Autorität und Standpunkt außerhalb der Privatsphäre postuliert wird.

 

Trotz der Tatsache, dass für den Shapovalov in erster Linie sicherlich die Epatage und Marktgängigkeit des Projekts am wichtigsten waren, und dass er die Mädchen und deren Verhalten in der Öffentlichkeit strikt kontrolliert hatte (wie es später klar wurde, standen die Mädchen nie in einer Liebesbeziehung zu einander und die Idee der Erschaffung einer lesbischen Pop-Band gehörte auch dem Produzenten), beeinflusste T.a.t.u eine ganze Generation von russischen Mädchen und jungen Frauen. Sie richten die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Fragen der sexuellen Identität, der Geschlechterrollen, Körperbewusstsein und hoben hervor einen weiblichen Blick auf die Beziehungen. In den Texten ihrer Lieder (fast alle wurden Shapovalov und Elena Kiper geschrieben) versuchte die weibliche Libido den Teufelskreis den vorgeschlagenen sozialen Rollen zu brechen, sie manifestierte sich mit einer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, die davor einer russischen und gar sowjetischen Frau, die aus den Profiteuren der westlichen sexuellen Revolution der 60er Jahre ausgeschlossen war, nicht bekannt waren.

Ira Konyukhova

April 2017