Es gibt die Meinung, dass der Film „The Square“ die Grenzen der Toleranz überschreitet. Wahrscheinlich trifft dies zu, aber dann ist es die am meisten verteidigte Grenze innerhalb der Gesellschaft - diejenige zwischen den verschiedenen Klassen. Es stimmt, dass  -  zumindest offener  -  Rassismus und Verachtung heutzutage unter den Mitgliedern der wohlhabenden Mittelschicht nur selten zu finden sind. Aber je weniger privilegiert das soziale Umfeld ist, je größer und offensichtlicher der Unterschied im Monatseinkommen ist, desto kompromissloser werden die Positionen.

Mikro-Rassismus, -Nationalismus und -Sexismus, die manchmal schwer zu entlarven sind, die sich in einen Scherz oder einen Streit hineinschleichen, sind aber noch schwieriger zu eliminieren - weil diejenigen, die sie aussprechen, sie nicht registrieren und nicht erkennen. Sie rutschen allen Teilnehmern des sozialen Spiels in „The Square“ heraus, unabhängig von Rasse, Nationalität und Alter, und manifestieren dadurch in vermeintlich tolerantem Umfeld die ökonomischen Differenzen.

 

Aus dem Handlungsverlauf seien folgende Beispiele angeführt, um besagtes Phänomen zu verdeutlichen:

 

Als ein Junge, Sohn der Migranten, Michael als “Däne” beschimpft (die Handlung findet in Schweden statt, Michael ist auch ein Schwede) und einer Frau, der Verkäuferin im Laden, wo beide sich treffen, seine Worte ins Dänische zu übersetzen befiehlt.

 

Als Christian im Auto etwas von „dem Herkunftsland“ Michaels hören möchte (Michael ist dunkelhäutig) und Michael darauf besteht, „Justice“ aus Frankreich zu hören. Justice, die vor einigen Jahren heftige Diskussionen mit deren Musikvideo ausgelöst haben, in dem eine Gruppe von Teenager-Migranten auf den Straßen randaliert. Das Video wurde oft für steigenden Rassismus in Frankreich verantwortlich gemacht.

 

Als ein Journalist Christian als Kurator des Museums in der Pressekonferenz fragt, warum als Gewaltobjekt im Werbefilm ein blondes Mädchen ausgewählt wurde (ein Repräsentant der privilegierten Schicht), während es bekannt ist, dass die meisten Menschen in den südlichen Ländern (die quasi benachteiligt sind, wo Armut herrscht), dunkles Haar haben. 

 

Als Christian, der einer obdachlosen Frau  -  nach einer erfolgreichen Wende in der Situation mit dem Diebstahl  -  Geld gibt, dies sehr langsam macht. Mit solcher Slow-Motion-Hilfehandlung macht er allen Akteuren dieser Situation bewusst, wer der Herrschende und wer der Bittende, der Erniedrigte ist. Damit nivelliert er die wichtigste Botschaft einer solchen Handlung  -  eine Manifestation der Empathie hinsichtlich des sozialen Status und ein Versuch, die Gleichheit wiederherzustellen.

 

Es scheint, dass irgendwann alle Teilnehmer an diesem absurden Spiel von derartiger habitueller Heuchelei einen Nervenzusammenbruch bekommen. Aber am Ende des Films wird natürlich der Chefkurator allein für solche Unstimmigkeiten verantwortlich gemacht. Darin liegt die Stärke dieses wunderbaren Filmes, der die heutige von Globalisierung, Nationalismus und Neoliberalismus durchzogene Welt mit einem ironischen und scharfen Blick beobachtet.

 

p.s. Der Künstler Oleg, der bei einem Gala-Dinner für Sponsoren und Förderer des Museums als ein Performance den Affen spielt, ist, natürlich, von dem russischen Künstler Oleg Kulik und seiner Hund-Performance (die auch einmal in Stockholm mit katastrophalen Folgen stattfand) abgeschaut.