Nach dem Besuch von zwei Bars Untitled und Noor bin nun beeindruckt: Im modernen Russland beobachtet man bei der Mittelschicht eine schizoide Persönlichkeitsspaltung, die mindestens zwei Klassen repräsentiert: die untere Mittelschicht, deren Vertreter in Plattenbauten, 3-4 Stationen vom Stadtring entfernt wohnen, bei "Dixie" einkaufen und gefühlt zehn Jahre lang weder Geld noch - in erster Linie vor allem aber Zeit und die dazu benötigte Dosis an Motivation finden, um den Wasserhahn in eigener Küche zu reparieren.

Die zweite Persönlichkeit, die in einer post-zaristischen (aber nicht post-sowjetischen) Figur innewohnt, ist ein Vertreter der höchsten Mittelschicht mit einem entsprechenden äußerlichen Auftreten und unbegrenzten Möglichkeiten des verschwenderischen Benehmens in Bars und Clubs. Ähnlich der Aristokratie (und auch den adeligen Hofleuten) in der Periode des monarchischen Absolutismus investieren junge moderne Moskauer alle ihre Geisteskräfte und finanzielle Kapazitäten in die Verfeinerung des eigenen Erscheinungsbildes bei dem Barbesuch. Der repräsentative prachtvolle Auftritt sollte mit allen Mitteln aufrecht erhalten werden, damit die tatsächlichen Unterschiede beim Verdienst und den Positionen nicht auffliegen. Auf diese Weise wird die Wirklichkeit sorgfältig inszeniert (sowohl in den Bars selbst als auch von Leuten, die sie besuchen), um das Wohlergehen der sog. herrschenden Klassen und dessen Legitimität zu präsentieren. Der post-zaristische Mensch im Alter zwischen 20 und 40 Jahren spielt gleichzeitig den Vertreter der privilegierten Schicht und gleichzeitig des Vertriebenen -paradoxerweise von ihm selber. Eine solche schizoide Persönlichkeitsspaltung manifestiert sich auch im architektonischen Aspekt. Der Vertreter jener Mittelschicht hängt ausschließlich im sog. historischen Zentrum der Stadt - ab einfach aus dem Grund, weil es in anderen Stadtteilen kaum Möglichkeiten fürs unbedenkliche Rausschmeißen des recht moderaten Gehalts in den Geldfluss gibt.

Moskau, November 2017