Zu Alicja Kwade habe ich Tausende Gedanken gehabt, aber mich doch nicht getraut, sie aufzuschreiben. Nun, hier in Tokio, einen Monat, nachdem ich die Ausstellung gesehen habe, scheint der richtige Momentdafür zu sein.

Alicja Kwade zeigt uns, was heute in Deutschland als zeitgenössische Kunst angesagt ist, und deswegen sind ihre Arbeiten exemplarisch. Das Spannendste ist, dass sie weder thematisch noch methodisch zusammenhängend sind. Sie springt von der Weltwirtschaftskrise zu den chemischen Bestandteilen des menschlichen Körpers und begibt sich auf der Identifikationsebene in der Fotografie (übrigens eine der besten Arbeiten der Ausstellung). Sie übernimmt einmal die Ästhetik Erwin Wurms (zwei Autos, die einander spiegeln) oder der Surrealisten (die gebogene Türen), aber meist doch der Designer-Ästhetik der 3D-Generation. Das Politische an den Arbeiten ist nicht explizit politisch und sogar teilweise plumpaufgepropft („Die Champagner-Flaschen hat Kwade im Krisen-Jahr 2008 als Ausgangsmaterial für ihre Arbeiten genommen“). Und trotzdem funktioniert die Ausstellung als Gesamtheit und enthält einige sehr gute Kunstwerke.

Gerade jetzt in Tokyo denke ich, dass eine solche Art der Kunst viel mit Banalität und Schlichtheit der Haiku gemeinsam hat.

„Hence the haiku seems to give the West certain rights which its own literature denies it, and certain commodities which are parsimoniously granted. You are entitled, says the haiku, to be trivial, short, ordinary: enclose what you see, what you feel, in a slender horizon of words, and you will be interesting; you yourself (and starting from yourself) are entitled to establish your own notability; your sentence, whatever it may be, will enunciate a moral, will liberate a symbol, you will be profound: at the least possible cost, your writing will be filled.“ (Roland Barthes, The Empire of Signs)

 

Es sagt uns auch über die gesellschaftliche Diskrepanz, die seit den 90-er Jahren immer weiter zu nimmt. Dass die Kunstwerke nicht mehr plump gemalt sind, nicht auf den Kopf gestellt werden und nicht satirisch sind –, sondern eine feine Ironie und zurückhaltendes Augenzwinkern enthalten. Es steht auch keine Philosophie, keine Behauptung, keine befestigte Weltanschauung dahinter, im Grunde genommen ist uns (fast) alles egal außer uns selbst.

Keine Venedig-Biennale (die eine Ansammlung von allem, was es gibt, darstellt) wird euch mehr über das Wer und Warum, welches heute die Kunstszene in Deutschland bestimmt, erzählen.

Ira Konyukhova

Oktober 2015