Dear Construction, Please Remember My Position“ – Ein Brief an Ira Konyukhova

 

Hannover,14.03.2018

 

Liebe Ira,

vielen Dank, für deine Videoinstallation SURFACE BLACK BLUE GREEN. Als ich sie mir das erste Mal angesehen habe fühlte ich mich in einen Moment versetzt, der mir nicht fremd war. Dieser Moment am Flughafen. Man wartet vor dem Gate und auf einmal fühlt sich die Wirklichkeit unwirklich an.

Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Gefühl beschreiben könnte aber der Beginn deiner Videoarbeit holt mich genau dort ab. 

Aus dem Off erzählt mir eine beruhigende Frauenstimme:

We all going to go on a travel. In fact we are always taveling even if we think we stay at the same place. My white blood cells are traveling through my body. The electro magnetic waves I ve send from my mobile phone are traveling to the atmosphere . My friends are flying to the frozen crystals just sitting on the same place in the airplane. But I, I’m going on the most exciting journey ever. I’m going to go through the universe.

 

In meinen Gedanken wiederhole ich den Satz „through the universe“. Das ist eine Reise, die ich auch gern machen würde. In gewisser Weise tue ich das in deiner Arbeit, denn die Erzählstruktur die du verwendest verweist auf filmische Mittel des Science-Fiction Genres aber auch auf Dokumentationen, die beispielsweise von der NASA produziert wurden, um über die Entdeckung des Weltalls aufzuklären. Du erzählst eine Geschichte vom Reisen aber auch von Migrationsprozessen…einerseits in ein anderes Land andererseits auf einen anderen Planeten.

Denn die Reise auf die du uns in SURFACE BLACK BLUE GREEN mitnimmst ist nicht einfach eine Reise „through the universe“. Die Farben BLACK BLUE GREEN verbinden drei Protagonistinnen, die uns von ihren individuellen Reisen berichten. Dabei spielen Gefühle und Ängste vom Verlassen werden aber auch von Entfremdung keine unwesentliche Rolle. Ich schaue mir ihre Geschichten genauer an…

Das Universum, auch der Kosmos oder das Weltall genannt, ist die Gesamtheit von Raum, Zeit und aller Materie und Energie darin. Das beobachtbare Universum beschränkt sich hingegen auf die vorgefundene Anordnung aller Materie und Energie, angefangen bei den elementaren Teilchen bis hin zu den großräumigen Strukturen wie Galaxien und Galaxienhaufen.

Die Bezeichnung „Kosmos“ entstammt dem Griechischen und bedeutet auf deutsch ‚Ordnung‘ und drückt zusätzlich zur Bezeichnung „Universum“ aus, dass sich das Universum in einem „geordneten“ Zustand befinde, als Gegenbegriff zum Chaos. Es ist seit dem 19. Jahrhundert bezeugt und ist die Wortwurzel für Kosmonaut, die Bezeichnung für sowjetische bzw. russische Raumfahrer.

Ich werfe einen Blick auf deine Kosmonautin…

Ihre Reise ins Universum scheint zugleich eine Flucht zu sein. Sie flieht vor Dingen wie Krieg und Tot, die uns heute ständig in den Medien begegnen sowie die Düsternis die dadurch in ihr ausgelöst wird.

Ihr Vorhaben, durch den Kosmos zu reisen ist zugleich sehr gefährlich und ein Abenteuer, das Risiken in sich birgt. Im Gespräch mit einer der anderen Protagonistinnen, die im Verlauf der Arbeit an einem Ort verweilt, erklärt sie, wie sicher die Reise sei…

I think we are going to fly to another planet

We already booked the tickets

Als die Andere fragt: Is that secure?

Antwortet sie:

it has triple glass protection, an automatic door-lock and a modern navigation system.

Doch die Andere antwortet nur:

Well, at least you wont die alone. By along all these beautiful stars..

 

Die zweite Protagonistin reist ohne sich physisch zu bewegen. In der Arbeit verkörpert sie für mich die Illusion von Distanzlosigkeit, welche die neue Medien in uns erzeugt. Doch sie reflektiert diese ebenso kritisch. Über Skype Gespräche mit ihrem Bruder sagt sie:

On a display, he seems to me rather than a try version of himself. I never know whether I am looking into his eyes or into some blurred pixels.

Ich lese in einer Definition über Social Media:

Während Massenmedien wie das Fernsehen zunehmend auf die lineare Kommunikation eines Broadcast setzen, unterliegt die Kommunikation von Social Media neben einem hohen Echtzeitfaktor auch dem Prinzip des Long Tail zur Generierung von Aufmerksamkeit und Reichweite. 

In eine politische Dimension des Reisens geleitet uns die dritte Protagonistin. Vor dem Hintergrund eines Bildschirm Schoners erscheint eine iranische Frau. Sie reflektiert über die Zeit der Grünen Revolution in Ihrem Land. Dabei beschreibt sie, dass wenn sie dem Iran eine Farbe zuordnen müsste, diese Grün wäre auch wenn die meisten Menschen wohl eher sagen würden, dass es Gelb ist. Sie erinnert sich an die Zeit der Revolution und wie sie mit Ihrer Familie auf die grünen Flaggen der Demonstrationen blickt.

When I’m thinking about my country I always think about it as being green...

Weiter erzählt sie…und das gefällt mir besonders:

Do you know that a man can better distinguish different shades of green than different shades of yellow ?

Um ehrlich zu sein muss ich an dieser Stelle nachschlagen, was genau die Grüne Revolution war. Da Aspekte der Digitalisierung in deinen Arbeiten eine Rolle spielen checke ich schnell Schlagwörter auf Wikipedia:

Nach der Iranischen Präsidentschaftswahl am 12. Juni 2009 gab es in Teheran und anderen größeren Städten der Islamischen Republik Iran öffentliche Proteste und Demonstrationen gegen das amtlich bekannt gegebene Wahlergebnis. Diese Proteste sind als Grüne Bewegung bekannt. Die Opposition warf dem bisherigen Amtsinhaber massiven Wahlbetrug vor und forderte eine Annullierung der Wahl. Während der Unruhen sind bis Anfang September 2009 nach Angaben der Opposition 72 Menschen getötet worden, offiziell spricht die Regierung von 36 Toten in diesem Zeitraum. Seitdem sind mehrere Tote hinzugekommen. 

Liebe Ira,

Du lässt die Grenzen von BLACK, BLUE GREEN verschwimmen aber auch die Grenzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ich finde sehr schön was du selbst über die Arbeit geschrieben hast:

„Indem ich die Struktur klassischer Science-Fiction-Filme anwende, entwerfe ich eine Hypothese für die außerirdische Zukunft als einen konstanten Migrationsprozess. Von der Unterwerfung der Schwerkraft befreit, sind die Protagonisten des Films gezwungen, einen neuen Drehpunkt in einer Gesamtheit von Schwarz, Blau oder Grün zu finden. In einem Zustand verschwommener Grenzen zwischen erhaben und banal, politisch und ästhetisch, stellten sich Fragen nach Lebensbedingungen für neue unbekannte Räume, wo immer sie sein mögen.“

Hier in der TURBA Gallery gliedert sich das Video in die Ausstellung „Dear Construction, Please remember my Position“ ein. Die Stühle auf denen die beiden Monitore montiert sind, spiegeln das Spannungsverhältnis, das der filmischen Umsetzung inne wohnt wieder. Zentral ist für dich das Verhältnis von menschlichen Urängsten in Bezug auf das Phänomen der Digitalisierung, die ein Gefühl von rasanter Bewegung impliziert.

Im Kontext der Installation befreist du Objekte wie die Bürostühle aus Ihrer Zweckgebundenheit. Sie sind nicht länger Alltagsgegenstände, sondern hybride – du sprichst von „Transformers“, welche auf einer Metaebene Thematiken von Mortalität, Bewegung und der damit verbundenen Unsicherheit verhandeln. Diese Angst vor Bewegung begegnet uns bereits in der Videoarbeit in Form der 2. Protagonistin. 

Elementen wie den Folien, dem Anzug oder dem Helm schreibst du hingegen schützende Funktionen zu, die diese Unsicherheit auffangen und versuchen eine Stabilität herzustellen.

Wir freuen uns sehr diese komplexe und vielschichtige Arbeit in dieser Form ausstellen zu dürfen.

An dieser Stelle möchte ich meinen Brief an dich beenden.

Viele Grüße,

Marlene.