Bei der diesjährigen Radiale – Kunst im Kreis werden in der Stiftskirche Sunnisheim mit Myriam Holme und Ira Konyukhova zwei installativ arbeitende Künstlerinnen ausgestellt, die beide bei ihrem ersten Besuch in diesem Raum „Klang“ wahrnahmen.

Im Kurzführer „Bausteine der Kreisgeschichte“ findet sich zur Stiftskirche folgende Beschreibung, mit der Einweihung 2011 wurde dieser Ort traditioneller Kulturarbeit wieder mit Leben, wieder mit „Klang“ gefüllt. Obwohl von der ehemaligen Kirche neben dem Glockenturm nur noch das Mittelschiff erhalten war, überrascht die wunderbare Akustik, die große Intensität und Klarheit des Klanges.

Myriam Holmes Installationen verstehen sich als Zeichnungen im Raum, als Malerei, die sich in den Raum erweitert. Sie hat im historischen Glockenturm, dessen Glockenstuhl aus dem Jahr 1535 stammt, eine hängende plastische Arbeit gestaltet, die den Titel nichterida trägt und an eine schlafende Fledermaus erinnert. Das Kunstwerk besteht aus drei Teilen, die einzeln an der Metallstange aufgehängt sind und ineinander verschränkt sind. Sie verwendet meist Offsetdruckplatten, die sie mit Schlagwerkzeugen in Form bringt. Diese eloxierten Metallplatten bemalt sie mit verschiedenen Lacken und Beizen, die zum Teil die Oberfläche angreifen und den Malgrund farblich verändern. Außerdem verwendet sie noch Acrylfarbe und trug Blattgold auf. Im Zusammenspiel der verwendeten Materialien interessiert Myriam Holme die scheinbaren Gegensätze wie glänzend und matt, organisch und anorganisch, massiv und fragil und werden so miteinander kombiniert, dass sie in ihrer Wirkung potenziert werden, wie es Hendrik Bündge formulierte. Das Körperliche und der Kraftaufwand des Herstellungsprozesses werden betont.

Neben dem Lichteinfall ist es auch der Klang, wie eingangs erwähnt, dem Myriam Holme in diesem spirituellen Raum nachspürt und sie an den Nachklang des Glockenspiels erinnert. 

Die Künstlerin empfindet die Strukturen an den Wänden, die Einritzungen und die Farbreste am alten Mauerwerk  als sehr aufgeladen, weil Botschaften hinter diesen Spuren vergangener Jahrhunderte stecken, denen sie nachspüren will. Um dies Nachempfinden zu können, sind wir Betrachter aufgefordert, um das Kunstwerk herumzugehen.

Für die letztjährige Preisträgerin des Kubus. Sparda-Kunstpreis, die Meisterschülerin des Malers und Objektkünstlers Andreas Slominski an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe war, „verkörpert“ ihre nichterida die Spiritualität und die Transzendenz des ehemaligen Kirchenraumes, der viele Jahre ein heiliger Ort war.

Melanie Bono hat Holmes Arbeiten einmal so beschrieben: Fast alle Arbeiten streben nach oben, die raue, schwere Materie zieht zum Licht. So wie die Menschen in diesen Gemäuern Spuren hinterlassen und diese noch nachhallen, so werden die Bearbeitungsschritte und Schichten, die nicht direkt an der Oberfläche zutage treten, als Spuren des Agierens in den Arbeiten gespeichert. Sie laden das Material auf, so wie dieser Raum eine besondere Atmosphäre ausstrahlt.

In Korrespondenz zur hängenden dreidimensionalen Arbeit, steht auf dem Boden eine gerahmte Zeichnung an die Wand gelehnt. Im sogenannten Abklatschverfahren wird der Hintergrund der Zeichnung angelegt, deren Entstehung zügig und schnell passieren muss: Auf Plastikfolie mischt sie Tuschen mit Serpentin und Spiritus, legt darüber den Papierbogen und nimmt dann einen Abdruck. Darüber werden dann mit Graphit und Farbstiften Gitterförmige Lineamente zu Formen verdichtet, die an herabfallende Steine erinnern. Im Gegensatz zum Erstbeschriebenen erfordert das Zeichnen mehr Zeit und meditative Ruhe. In beiden Exponaten scheint sich die Farbigkeit der Steinmauern mit ihren Spuren zu reflektieren. Beide Kunstwerke bilden in diesem Raum eine Einheit und einen Gleichklang.

Myriam Holme möchte den Betrachter in seiner Ganzheit ansprechen. Ich möchte nochmals Hendrik Bündge zitieren, der ihre Arbeiten als verkörperte Gedanken beschreibt, die zum Sprechen gebracht werden und die regelrecht über sich hinauswachsen und förmlich ihre Grenzen überschreiten, und somit alle unsere Sinne ansprechen und diese körperlich empfundene Raumwahrnehmung erzeugt ein tieferes Empfinden. 

Die Betrachter müssen sich für beide künstlerische Positionen Zeit nehmen, außerdem war es die Intention der Künstlerinnen, den Raum, die Architektur wirken zu lassen und die Nutzung für andere Veranstaltungen, wie aktuell die Sunnisheimer Klaviertage zu gewährleisten. 

Und diesen ganzheitlichen Ansatz verfolgt auch Ira Konyukhova, die sich in ihren Arbeiten mit medial vermittelten Bildern beschäftigt, die unspektakulär sind und alltäglich wirken, aber in einem politischen Kontext betrachtet werden müssen. Sie folgt damit dem Ansinnen der Künstler des 20. Jahrhunderts, die die Trennung von Kunst und Leben aufheben und somit die Bildwirklichkeit und die reale Lebenswelt zusammenbringen wollten. Mit ihren multimedialen Installationen steht sie in Nachfolge von John Cage, der auf unorthodoxe Weise Klangmaterial und kompositorische Technik erweiterte und die traditionelle Trennung der Medien Musik, Tanz, Theater/Rezitation und bildender Kunst aufhob und den Betrachter in seiner Ganzheit, mit all seinen Sinnen „ansprechen“ wollte.

Fasziniert und inspiriert durch das „Helikopter-Streichquartett“ von Karlheinz Stockhausen, das ursprünglich für die Salzburger Festspiele 1991 in Auftrag gegeben, aber erst 1996 beim Holland Festival in Amsterdam uraufgeführt wurde, hat Ira Konyukhova eine Video- und Soundinstallation geschaffen, die den Raum auf der Empore mit zwei Wandprojektionen auch akustisch füllt. 

Diese Zwei-Kanal-Arbeit besteht aus zwei Videos, die diametral zueinander an die Wand projiziert werden. Den Raum dazwischen „füllen“ vier auf Stative montierte Lautsprecher. In einem Videos sieht man eine Frau, die Künstlerin selbst, die sich aus der Vogelperspektive betrachtet, durch Straßen und in Landschaft bewegt. Meist richtet sie den Blick nach oben, da sie beobachtet wird und in ihrer Mimik und Gestik erkennt man, dass sie sich bedroht fühlt. Dieses in Panik Davonlaufen wird durch die teils auf dem Boden liegenden, umgekippten Lautsprecher verdeutlicht. 

Obwohl sie es selbst ist, die mit einer App auf ihrem Smartphone die Drohne steuert und somit die Beobachtung und Verfolgung inszeniert!

In dieser Applikation gibt sie ihre Koordinaten ein und startet dann die Beobachtung. Sie wechselt immer wieder die Kleidung, teilweise sehr bunt und dadurch auffällig, dann wieder der Struktur und Farbigkeit der Umgebung angepasst, quasi in Tarnkleidung. Wenn sie getarnt ist, erkennen wir, dass die Drohne sie im wörtlichen Sinne „aus den Augen verliert“. 

Im anderen Video ist es wieder die Künstlerin selbst, allerdings läuft sie nicht mehr voller Panik davon, sondern bewegt sich auf die Drohne zu und drängt diese zurück. Die Person hat erkannt, dass durch den eingebauten Sensor, der zum Schutz des Menschen einen gewissen Abstand einhält, es möglich ist, aus der bedrohlich empfundenen Situation in eine Position des Widerstands zu kommen. 

Ira Konyukhova geht es um die Frage, in wieweit wir neue Technologien als Bedrohung oder als zivilisatorischen Fortschritt wahrnehmen. Denn diese sogenannten Drohnen werden sowohl zu militärischen Zwecken, von der Beobachtung und Aufklärung bis zur gezielten Bekämpfung eingesetzt, als auch im zivilen und kommerziellen Bereich, wo sie zur Kontrolle und Überwachung, aber auch  als Transportmittel dienen; oder für wissenschaftliche Zwecke wie in der Klimaforschung zum Einsatz kommen.

In dieser, den Raum einnehmenden Bild-Ton-Kombination nehmen wir diese Ambivalenz mit all unseren Sinnen wahr. Einmal erleben wir diese ständige Beobachtung als Angst einflößend, wir fühlen uns ebenfalls in einer ausweglosen Situation, in der es kein Entrinnen zu geben scheint. Aber dann zeigt uns die Künstlerin auf, dass wir der Situation doch nicht tatenlos ausgeliefert sind.

In ihrer künstlerischen Arbeit thematisiert die Medienkünstlerin, die 2017 ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe absolvierte, die Auswirkungen politischen Handelns auf die Gesellschaft und den Einzelnen. 

Der Titel der Installation Please Agree to Our New Cancellation Policy verweist auf die Notwendigkeit, eine einmal installierte App oder Software immer wieder zu aktualisieren und dementsprechend die geänderten Nutzungsrechte zu akzeptieren. Wir sind immer wieder zur Kontrolle aufgefordert, aber welcher Nutzer tut dies schon in der notwendigen Gründlichkeit?

Mit diesen Videos wird auch die Frage aufgeworfen, ob derjenige, der unauffällig und angepasst (Stichwort Tarnkleidung) in einer Gesellschaft lebt weniger unter Beobachtung steht? Aber nicht beobachtet oder kontrolliert zu sein, handelt es sich dabei nicht um eine Pseudosicherheit? Oder ob es nicht besser ist, die übermächtige Kontrollfunktion auszuhebeln, indem man sich ihr widersetzt (der Drohne auf den Leib rückt) und sich einem Problem stellt, Widerstand leistet und sich zu einer eigenen Haltung bekennt?

Und somit gesellschaftspolitisch gesehen, Zivilcourage notwendig ist! 

 

 

 

(Julia Philippi, im April 2018)